Die Kotau-Gesellschaft

Ich hatte es für einen verspäteten Aprilscherz gehalten, aber es ist wahr: wer dieser Tage die Werbung bekannter Discounter anschaut, dem wird nicht mehr der Osterhase angeboten, sondern der „Sitzhase“! Meine Rechtschreibprüfung unterstreicht dieses Wort prompt mit einer roten Wellenlinie…

Wer eine Gesellschaft beobachten möchte, die durch vorauseilende Gehorsamsgesten die Axt an ihre kulturellen Wurzeln legt, der muss nach Deutschland kommen. 

Wir waren auf einem guten Weg, selbstbewusst mit unserer kulturellen Identität umzugehen, und trotzdem weltoffene, fröhliche und gute Gastgeber zu sein. Offenbar darf diese positive Wesenshaltung nur in einem „Sommermärchen“ aufscheinen. Zurzeit werden aus unserem Wortschatz voreilig Begriffe ausgeschlossen, die möglicherweise auf Menschen aus anderen Kulturen befremdlich wirken könnten: Weihnachtsmarkt, Lumumba, Indianer, Mohrenkopf, Negerkuss, Osterhase und so weiter. Es findet zu diesen Begriffen keine Diskussion statt. Es findet keine allgemein akzeptierte Begriffsklärung statt. Die „Wort-Polizei“ legt fest, was zu sagen erlaubt ist, und was nicht.

 

Diese Sprach-Bevormundung, die tief in die persönlichen Freiheitsrechte von Menschen einzugreifen versucht, grenzt meines Erachtens an Fanatismus. Darüber hinaus wirkt sie derart beschwerend auf die eine Seite der gesellschaftlichen Waagschale, dass eine extreme Gegenbewegung zur Wiederherstellung der Ausgewogenheit unausweichlich ist.

Alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, egal ob sie germanische Wurzeln haben oder andere, sollten die kulturelle Entwicklung und den kulturellen Reichtum Deutschlands ernst nehmen, wertschätzen und schützen. Menschen leichtfertig ihre kulturelle Identität zu nehmen, das halte ich nicht nur für fahrlässig, sondern auch für dumm und gefährlich. Wir müssen uns für unsere gesellschaftliche Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg nicht schämen. In jeder Gesellschaft gibt es Ansatzpunkte für Verbesserung und Weiterentwicklung. So auch bei uns. Aber einer ganzen Gesellschaft ein „Umerziehungsprogramm“ überstülpen zu wollen, das ist unterirdisch.

 

Wer es ernst meint mit einer wertebasierten Demokratie, der verleugnet nicht die eigene Kultur und biedert sich nicht unterwürfig anderen Kulturen an. Der stößt auch nicht permanent den eigenen Bürgerinnen und Bürgern vor den Kopf und straft sie ab, wenn sie anderer Meinung sind. Wer es ernst meint mit einer wertebasierten Demokratie, der zeigt Demut, der hört zu, der bildet sich eine Meinung aufgrund von Fakten, und der erhebt sich nicht selbstherrlich über andere Menschen.