Deutschland und vermutlich auch weite Teile Europas und der sogenannten "westlichen Welt" befinden sich meines Erachtens in einem Zustand fortschreitender Dekadenz.
Für mich zeigt sich Verkommenheit darin, dass die Interessen weiter Teile der Bevölkerung von den Regierenden und den Regierungswilligen mehr und mehr ignoriert werden. Die Ängste von Menschen davor, dass sie eines Tages in einem Land leben (müssen), in dem sie ihren Lebensunterhalte nicht mehr bestreiten und Lebensträume nicht mehr verwirklichen können, in dem die Gleichstellung von Frau und Mann wieder in Frage gestellt wird, in dem gleichgeschlechtlich orientierte Sinnlichkeit wieder Unrecht ist, in dem Meinungsäußerungen unter Aufsicht stehen, in dem staatliche Organisationen private Räume kontrollieren, in dem fremde Gebräuche die eigene Kultur aushöhlen und in dem unsere Grundrechte nur noch schwarze Tinte auf wertlosem Papier sind, diese Ängste werden nicht ernst genommen. Stattdessen werden Menschen, die derartige Befürchtungen äußern, als "Nazis" beschimpft. Sie werden zu Kriegstreibern, Volksmördern und aktiven Unterstützern eines Terrorregimes in die Ecke gestellt. Das ist für mich moralischer Verfall. Aus politischem Kalkül, aus einem perfiden Machtstreben heraus, das sich aus einer zutiefst persönlichen Weltsicht speist, werden anders denkende Menschen diffamiert, stigmatisiert und politisch "kalt" gestellt. Das ist in meinen Augen als Niedergang politischer und gesellschaftlicher Sitten zu werten.
Wenn eine politische Partei, die von rund zehn Millionen wahlberechtigten Menschen gewählt wurde, den Stempel "gesichert rechtextremistisch" erhält, dann sind die Gründe dafür nicht geheim zu halten. Dann hat der sogenannte "Souverän" das Recht auf Vorlage der Belege für diese Einschätzung. Ganz davon abgesehen, dass die Veröffentlichung dieser Einschätzung durch eine kommissarisch agierende Innenministerin, die abgewählt und vom Bundespräsidenten entlassen wurde, für mich an Amtsanmaßung grenzt, zeigen solche Inszenierungen, wie feudalistisch die Regierenden in unserem Land geworden sind. Erklärungen werden nicht als notwendig erachtet. Die "dumme" Bevölkerung hat zu glauben, was die "wissenden" Regierenden verkünden.
Nicht erst die Umfragewerte für die noch gar nicht amtlich bestätigte "neue" Regierung zeigen das wachsende Misstrauen in staatliche Institutionen. Dieses Misstrauen ist nicht nur bedenklich, es ist gefährlich. Es gefährdet unseren Zusammenhalt und den sozialen Frieden in unserem Land. Wer diese Gefahr ignoriert, der handelt fahrlässig und macht sich schuldig.
Ich wiederhole mich, wenn ich zum Ausdruck bringe, dass die Regierenden eines Landes meines Erachtens den Auftrag haben, das Gemeinwohl herzustellen und zu bewahren. Die Anforderungen an dieses Gemeinwohl dürfen Politiker und Parteien nicht allein bestimmen. Dazu ist ein weitreichender Konsens innerhalb des Gemeinwesens zu erzielen. Ich habe den Eindruck, dass ein wirksamer Interessenausgleich für die Regierenden immer unwichtiger geworden ist. Ich beobachte eine Politikergeneration, die sich von Regierungsämtern die Macht erhofft, ihre persönlichen Vorstellungen von Gesellschaft verwirklichen zu können. Die Mitglieder dieser Gesellschaft scheinen dafür eine zu vernachlässigende Größe zu sein. Derart von der eigenen Bevölkerung zu denken und über sie hinweg zu regieren, das nenne ich dekadent. Und darum halte ich eine Überprüfung und Erneuerung unserer politischen Kultur für dringend geboten: Demokratie allein reicht nicht!