Gesellschaft ohne beschränkte Haftung

Aus dem Gesellschaftsrecht kennen wir die "Gesellschaft mit beschränkter Haftung". Die Gesellschafter in dieser Gesellschaftsform können ihren maximalen materiellen Verlust gut bestimmen, da sie nur "beschränkt haftbar" sind.

Ein Gemeinwesen ist eine Gesellschaft ohne beschränkte Haftung, denn jede Bürgerin und jeder Bürger haftet unbeschränkt für das, was die Gesellschaft als "Verlust" hervorbringt. Diese Verluste können sowohl materiell als auch immateriell sein: zum Beispiel der materielle Verlust von Barvermögen, Rentenansprüchen und Grundbesitzt, oder der immaterielle Verlust von Ansehen, Freiheit und Sicherheit. In dieser Gesellschaft ohne beschränkte Haftung sind wir alle, ob wie es wollen oder nicht, Gesellschafter. Und aus diesem Grund sollte jede und jeder von uns ein elementares Interesse daran haben, dass die Gesellschaft keine Verluste macht.

 

Leider beobachte ich ein vielfältiges Desinteresse im Kreise der Gesellschafter an unserer Gesellschaft. Viele Bürgerinnen und Bürger scheinen der Meinung zu sein, dass sie persönlich nur beschränkt für die gesamtgesellschaftlichen Verluste haftbar sind. Darüber hinaus scheinen viele zu glauben, dass der Befriedigung ihrer persönlichen Interessen die höchste Priorität einzuräumen sei. Sie akzeptieren nicht, dass für die Gesamtgesellschaft möglicherweise andere Prioritäten zu setzen sind.

Mir erscheint es so, als hätte die Konzentration auf die persönlichen Interessen zugenommen. Sowohl bei Einzelpersonen als auch bei gesellschaftlichen Gruppen. Ich beobachte eine zunehmende Aggressivität bei dem Versuch, persönliche Interessen gegen andere Interessen durchzusetzen. Die Bereitschaft dazu, verschiedene Interessen auszugleichen, ist meines Erachtens zurückgegangen. Mangelnde Kompromissbereitschaft führt immer zu Konflikten. Und ich schätze das derzeitige Konfliktpotenzial in unserer Gesellschaft als hoch ein.

 

Da unser Blick täglich auf Krisen in der Welt gelenkt wird, die auf den letzten Stufen der Konflikteskalation angelangt sind (vgl. Friedrich Glasl: 9 Stufen der Konflikteskalation), besteht das Risiko, dass wir die Konfliktprävention in unserer eigenen Gesellschaft vernachlässigen. Diese Nachlässigkeit wiederum birgt die Gefahr, dass Konflikte auch bei uns eskalieren. Für mein Empfinden befinden sich bei uns viele Konflikte bereits auf einer mittleren Eskalationsstufe. Eine "Win-Win"-Lösung, wie sie Friedrich Glasl auf den ersten drei "seiner" Konfliktstufen in Aussicht stellt, sind in diesen Fällen nicht mehr zu verwirklichen. Es wird Verlierer geben. Dass wir alle zu Verlierer werden, das sollten wir allerdings vermeiden.

 

Leider erkenne ich auch in der aktuellen Regierung keine Persönlichkeit, die zu einer wirksamen Konfliktintervention fähig wäre. Die Verhaltensweisen im Bundestag erscheinen mir, als würden wir unsere Gesellschaft durch ein Brennglas betrachten. Meinungen werden zu Wahrheiten erhoben und Lösungsansätze als "alternativlos" etikettiert. Es werden "rote Linien" gezogen und "Brandmauern" errichtet. Gemäß der Definition von Friedrich Glasl würde ich die Situation im Deutschen Bundestag bereits auf Konfliktstufe 4 bis 5 einordnen: es gelingt nicht mehr, den Konflikt ohne Verlierer zu beenden. Aus den Konfliktparteien sind Kontrahenten geworden: Gegner denen es nicht mehr um die Sache geht, sondern darum, den Konflikt zu gewinnen. Persönliche Angriffe werden zu "Schlägen unter der Gürtellinie", eine respekt- und vertrauensvolle Zusammenarbeit ist nicht mehr möglich.

Dieses Bild, dass die angebliche "Politik-Elite" unseres Landes abgibt, sollte uns alle alarmieren. Wo die Regierenden dieses Landes die Überzeugung hernehmen, dass sie in landesweiten oder sogar globalen Konflikten vermitteln könnten, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, die Konflikte in ihrem eigenen Parlament zu lösen, das ist mir ein Rätsel.

  

Aber wir sollten nicht nur genüsslich mit dem Finger auf unsere Politiker zeigen. Wir sollten uns selbst und unser eigenes Wirken stets im Blick behalten. Denn wir sind alle Gesellschafter dieser Gesellschaft ohne beschränkte Haftung.