Ansprüche und Erwartungen

Meiner Wahrnehmung nach haben sich die Ansprüche der Einzelnen gegenüber der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Ich meine einerseits die Ansprüche an persönliche Freiheiten (z. B. die öffentliche Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, die sexuelle Freizügigkeit oder die Veröffentlichung persönlicher Empörungen), und andererseits die Ansprüche an Versorgungsleistungen (z.B. Grundsicherung, Bürgergeld, Wohngeld), die dem Individuum ohne erkennbare Gegenleistung zu gewähren sind.

Es ist zu beobachten, dass viele Menschen den öffentlichen Raum für die Offenbarung ihrer privaten Gesinnung, ihrer Vorlieben und Fetische beanspruchen. Ebenso ist zu registrieren, dass immer mehr Menschen einen Anspruch auf Versorgung erheben, ohne der Gesellschaft eine angemessene Gegenleistung bieten zu wollen - von Bürgerinnen und Bürgern, die diese Gegenleistung nicht bieten können, spreche ich nicht, diesen Menschen gilt ausdrücklich unsere Solidarität.

 

Das Beharren auf persönliche Ansprüche ohne Rücksicht auf die geltenden Werte und Normen sowie die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft führt unweigerlich zu Konflikten. Manche dieser Konflikte sind förderlich für notwendige Entwicklungen. Sofern sie rechtzeitig gelöst werden, können sie eine beschleunigende Wirkung für Veränderungen haben, die eine Gesellschaft insgesamt voranbringen. Viele dieser Konflikte enthalten allerdings das Potential für Eskalationen, die schwer zu beherrschen sind.

Konflikte, die schwer zu beherrschen sind, müssen vermieden werden. Zur Vermeidung ist es notwendig, dass jede und jeder Einzelne von uns verantwortungsbewusst mit seinen Ansprüchen und Erwartungen umgeht. Nicht alles, was die eigene Persönlichkeit ausmacht, muss im öffentlichen Raum präsentiert werden. Provokation, die aufschrecken will, sollte nicht verschrecken. Gesetze, die das Individualrecht stärken sollen, dürfen das Gemeinwohl nicht beeinträchtigen.

 

Die Regierung eines Staates ist dafür zuständig, den Ordnungsrahmen zu setzen, in dem sowohl die persönliche Freiheit als auch das Gemeinwohl angemessen in Einklang gebracht werden. Persönliche Freiheit muss meines Erachtens immer verbunden sein mit dem Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft. Forderungen an die Gemeinschaft kann nur der stellen, der dazu bereit ist, im gleichen Maß die Gemeinschaft zu fördern. Gesellschaften, in denen die Waagschale staatlich sanktionierter Zuwendungen zur Seite individueller Ansprüche absackt, werden sowohl eine materielle als auch eine ideelle Insolvenz erleben. Für Deutschland besteht meines Erachtens das Risiko, eine derartige Doppelpleite zu erleiden.

 

So groß scheint bei uns das Bedürfnis zu sein, von aller Welt als offenherzig, großzügig, tolerant und hilfsbereit wahrgenommen zu werden, dass wir nicht davor zurückschrecken, uns als Volk selbst zu verleugnen und zu kasteien. Ein fataler Hang, es allen recht machen zu wollen. Jenen, denen dieser Hang nicht zu eigen ist, wird oft Kaltherzigkeit, Fremdenfeindlichkeit und anderes mehr nachgesagt. Dabei sind sie es, die wissen, dass der Antrieb, es allen recht machen zu wollen, schnell dazu führen kann, die Leistungsfähigkeit von Personen und Gesellschaften zu überfordern. Und Menschen, die ihre Leistungsfähigkeit dauerhaft überschreiten, werden irgendwann kollabieren. Gesellschaften auch.