Eine Meinung

Oft habe ich den Eindruck, dass der Zweifel an der eigenen Meinung als unzulässige Schwäche empfunden wird. Wie sonst ließe sich erklären, dass viele Menschen mit wahnsinniger Verbissenheit Meinungen verteidigen, deren Mangel an Mehrheitsfähigkeit längst offensichtlich ist? Dabei ist der Zweifel an der eigenen Meinung gar nicht notwendig, um ein verträglicher Mitmensch zu sein. Die Einsicht, dass die eigene Meinung nicht mehr und nicht weniger als eine Meinung von etlichen Milliarden Meinungen auf der Erde ist, reicht vollkommen aus. Selbst dann, wenn die Meinung von der eigenen Meinung überbordende Ausmaße annimmt, wenn uns der Eindruck quält, von Idioten umgeben zu sein, von Blinden, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, selbst dann stellt die eigene Meinung keine Wahrheit dar, sondern lediglich eine Meinung. Eine Meinung, die wir äußern dürfen, für die wir werben dürfen, für die wir sogar mit friedlichen Mitteln kämpfen dürfen. Die wir aber niemals anderen aufzwingen dürfen!

 

Menschen, die anderen ihre Meinung aufzwingen wollen, handeln undemokratisch. Im Extremfall sind sie Gewalttäter und Despoten. Wir können in unserem eigenen Land fast tagtäglich angewandte verbale Tyrannei erleben und leider auch Gewalttaten. Immer wieder frage ich mich, wie eine Persönlichkeit strukturiert sein muss, um in der eigenen Meinung mehr zu sehen als eine Meinung von vielen. Um in ihr Die Eine gültige Meinung zu sehen. Oder sind solche Persönlichkeiten gar nicht mehr strukturiert, sondern einfach nur deformiert?

 

Es gibt Menschen, denen die Kraft der Überzeugung zu eigen ist. Sie können anderen die Schlüssigkeit einer Meinung näherbringen, und auf diese Weise eine einsame zu einer gemeinsamen Meinung machen. Aus diesem Prozess kann dann eine gemeinsam getragene Entscheidung erwachsen. Solche Prozesse können langwierig sein. Doch diese Prozesse sind die Grundvoraussetzung für Demokratie. Menschen, die davor warnen, dass die Demokratie gefährdet sei, treffen meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf, obwohl diese Warnung das Ergebnis völlig unterschiedlicher Meinungen ist. Für die Gefährdung unserer Demokratie werden verschiedene Ursachen gesehen. Am lautesten warnen diejenigen, die selbst dazu neigen, ihre Meinung zum "goldenen Kalb" zu machen.

 

Wer seine Meinung offenbart und anschließend Besuch von Sicherheitsbehörden bekommt, der zweifelt zurecht daran, in einer stabilen Demokratie zu leben. Demokratie lebt von Meinungsvielfalt. Sie lebt von Meinungsaustausch, von Diskussion und auch von Disput. Sie krankt an Diktat, Zensur und Zwang.

 

Niemand, der eine Meinung vertritt, die nicht mehrheitsfähig ist, muss zweifeln oder gar verzweifeln. Denn er hat nicht weniger als andere haben: er hat eine Meinung.