Interessen und Konflikte

Einen Kompromiss zu schließen, das scheint für viele Menschen ein Zeichen von Schwäche zu sein. Wie ist es sonst zu erklären, dass "rote Linien", "No-Gos" und "Brandmauern" heutzutage die Kommunikation beherrschen? Ein aufgeschlossenes "Lass uns mal drüber reden!", das ist immer seltener zu hören. Viele bunkern sich mit ihrer Meinung regelrecht ein, isolieren ihre Weltanschauung, verbarrikadieren sie vor den vermeintlich schädigenden Einflüsterungen anderer Menschen. So, als würden sie die Vertreter anderer Interessen am liebsten in schalldichte Zellen verbannen.

Dabei sollte der Kompromiss die Normalität in einer funktionierenden Demokratie sein. Der Kompromiss ist der Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen. Gerade eine Gesellschaft, die das Recht auf Individualität in besonderer Weise gewähren will, muss eine hohe Kompromissbereitschaft aufbringen. Aber hier klafft in unserem Land seit einiger Zeit eine gewaltige Lücke zwischen dem propagierten Anspruch und der gelebten Wirklichkeit.

 

Die verschiedenen Interessengruppen in unserem Land scheinen immer weniger willens und in der Lage zu sein, faire Kompromisse zu schließen. Das führt zu einer deutlich wahrnehmbaren Erosion unserer Gesellschaft.

In einer solchen Situation benötigt eine Gesellschaft Menschen, die bereit sind, ihre eigenen Vorurteile und Eitelkeiten beiseitezulegen und einigend zu wirken. Menschen, die den unterschiedlichen Meinungen Raum und Gehör geben.

So ein Mensch sollte beispielsweise das Staatsoberhaupt sein. Leider ist diese Funktion von einem Menschen besetzt, der seiner Verantwortung diesbezüglich nicht nachkommt. Mit seinen Aussagen befeuert er sogar noch den Konflikt.

Die Parlamente sollten Räume sein, in denen unterschiedliche Interessen und Meinungen in angemessener Form besprochen, diskutiert und debattiert werden. Allerdings scheint insbesondere der Bundestag ein Abbild der gesellschaftlichen Spaltung zu sein. Und die Mitglieder des Bundestages gefallen sich in ihrer Rolle als Spalter und Brandbeschleuniger. Wie ist es möglich, dass diejenigen, die am lautesten die Gefährdung der Demokratie beklagen, diese permanent mit Füßen treten?

 

Angesichts der Bestrebungen in der EU-Zentrale, eine umfassende "Chat-Kontrolle" einzuführen, werde ich den Gedanken nicht los, dass der Verlust von Ordnung und Sicherheit in Europa absichtlich herbeigeführt wurde, um weitreichende Kontrollmaßnahmen rechtfertigen zu können. Das klingt nach Verschwörungstheorie. Aber die Tatsache, dass immer mehr klar denkende Menschen solche Szenarien nicht mehr völlig ausschließen mögen, zeigt den bedauernswerten Zustand des Vertrauens in staatliche Institutionen. Das Vertrauen ist nahezu pulverisiert worden von politischen Entscheidungsträgern, die den nur so genannten "Souverän" über Jahrzehnte ignoriert und infantilisiert haben. Rechthaberei, Machtbesessenheit, Unbelehrbarkeit und Hybris bei gleichzeitiger Inkompetenz - das sind die Eigenschaften, die dem politischen "Establishment" derzeit zugeschrieben werden. Von einem verantwortungsvollen Interessenausgleich sind wir Lichtjahre entfernt.

 

Und wenn Interessen nicht verantwortungsvoll ausgeglichen werden, dann kommt es zu Konflikten. Und wenn Konflikte nicht gelöst werden, dann können sie eskalieren: aus Konkurrenten werden Gegner, aus Gegnern werden Feinde. Auseinandersetzung führt zu Gewalt, Gewalt mündet in Krieg. Bürgerkrieg hätte ich vor nicht allzu langer Zeit für unseren Lebensraum kategorisch ausgeschlossen. Der aktuelle Zustand von Deutschland und Europa belehrt mich eines Schlechteren.

 

Und schon wieder beschleicht mich ein unfassbarer Gedanke: wenn der Verteidigungsminister davon spricht, dass wir "kriegstauglich" werden müssten, vielleicht ist damit gar nicht ein Krieg um unsere Außengrenzen gemeint. Ich hoffe, dieser Gedanke schleicht lautlos vorbei und entpuppt sich als Hirngespinst ...