In den letzten Jahrzehnten wurde in unserer Gesellschaft die Freiheit des Individuums fortlaufend gestärkt. Dadurch wurde auch Persönlichkeiten, die von vielen als extravagant wahrgenommen werden, eine relativ freie Entfaltung ermöglicht. Diese Entwicklung hat unsere Gesellschaft insgesamt offener und freizügiger gemacht. In den 1980er und 1990er Jahren haben viele Menschen meiner Generation diese Freizügigkeit als überaus belebend und inspirierend empfunden. Es gibt etliche, die diese beiden Jahrzehnte als ihre besten in Erinnerung haben. Obwohl diese Zeit auch von der Immunschwächekrankheit AIDS sowie von Begebenheiten wie den Golfkriegen, dem Reaktorunfall in Tschernobyl, dem Terroranschlag in den USA und anderen Negativereignissen geprägt wurde, verbinden viele Menschen meiner Generation mit dem ausgehenden Zwanzigsten Jahrhundert positive Emotionen, Zuversicht und Aufbruchstimmung.
Diese Zuversicht und Aufbruchstimmung vermisse ich heute. Und ich glaube, dass es nicht allein an meinem Alter liegt, dass ich für die positiven Emotionen jener Jahre zurzeit keine Entsprechung mehr erkennen kann. Ich nehme in unserer Gesellschaft eine gemischte Stimmung aus Ernüchterung, Überforderung, Angst, Sturheit und Aggression wahr. Mir scheint, dass viele von uns während der intensiven Pflege ihres Eigensinns die Hege eines Gemeinsinns nahezu eingestellt haben. Das gegenseitige Zugeständnis, anders zu sein, anders zu denken und zu empfinden, diese gegenseitige Akzeptanz ist aus meinem Blickfeld nahezu vollständig verschwunden. Menschen beharren auf ihre Meinung und auf ihre Weltsicht. Dieses Beharren nimmt teilweise fanatische Züge an. Es führt dazu, dass Andersdenkende zu Feinden erklärt werden. Aus einer anderen Sichtweise Inspiration zu ziehen, das ist für viele, so scheint es mir, undenkbar geworden. Dieser Zustand kommt einer geistigen und emotionalen Verarmung gleich. Dieser Zustand lässt mich daran zweifeln, ob unser Zusammenleben noch von "gesundem Menschenverstand" geprägt wird. Eher befürchte ich, dass unsere Gesellschaft der Tyrannei des Absurden anheimgefallen sein könnte.
Wie sonst ist es zu erklären, dass Frauen, die zurecht den Schutz vor männlicher Nötigung und Gewalt einfordern, sich gleichzeitig schützend vor Vergewaltiger stellen, nur weil diese aus vermeintlich benachteiligten Verhältnissen stammen?
Wie sonst ist es zu erklären, dass Menschen, die lediglich ihre Meinung sagen, eine Beobachtung durch staatliche Institutionen und eine Ächtung durch nicht staatliche, aber staatlich finanzierte Organisationen über sich ergehen lassen müssen?
Wie sonst ist es zu erklären, dass Menschen, die ihre Angehörigen pflegen, eine Rentenkürzung droht, während andere, die nie in unsere Sozialsysteme eingezahlt haben, einen Blankoscheck erhalten?
Wie sonst ist es zu erklären, dass christliche Politiker herzlich das Zuckerfest begrüßen, während ihnen das Pfingstfest nicht der Rede wert ist?
Wie sonst ist es zu erklären, dass ein Vater, der den gewaltsamen Tod seiner Tochter verkraften muss, vom Verfassungsschutz beobachtet wird?
Wie sonst ist es zu erklären, dass Staatsdiener den Souverän mit Begriffen wie "Ratten" und "Einheitsbraun" verunglimpfen dürfen, während Bürgerinnen und Bürger für Nichtigkeiten wie "Lackaffe" abgestraft werden?
Wie sonst ist es zu erklären, dass auf einem Kirchentag BDSM-Devotionalien zur Schau gestellt werden und Kinder im Kindergarten eine Anleitung zur Selbstbefriedigung erhalten?
Wie sonst ist es zu erklären, dass Verfassungsfeinde auf unseren Straßen fahnenschwenkend für ein Kalifat demonstrierend dürfen, während die Deutschlandflagge am Revers als verdächtig eingestuft wird?
Wie sonst ist das alles zu erklären?
Ich kann es nicht. Ich kann für das, was ich in unserem Land momentan wahrnehme, nur den Begriff absurd verwenden. Vermutlich ist unsere einst offene und freiheitsliebende Gesellschaft ganz einfach pervertiert.