Leseprobe

1| unser Weg


unser Weg war staubig, unser Weg ist steil

unser Weg war blutig, unser Weg ist geil

unser Weg verbindet uns und gabelt sich da vorn

unser Weg bringt uns an Orte voller Angst und voller Zorn

unser Weg, das spüre ich, macht meine Seele nicht mehr heil.

 

unser Weg war ein Versprechen, unser Ziel ist fast vergessen

unser Weg war uns so wichtig, unser Ehrgeiz hat uns jäh zerfressen

unser Weg begeistert mich nicht mehr

unser Weg erscheint mir ganz allmählich öd und leer

unser Weg, das spüre ich, der lässt sich nicht ermessen.

 

unser Weg war Dein Weg, mein Weg gabelt sich da vorn

unser Weg hielt kein Versprechen, mein Weg nimmt mir meinen Zorn

unsren Weg verlass ich jetzt und hier

unser Weg gehört von nun an nur noch Dir

auf meinem Weg beginnt das Hoffen jetzt von vorn.

 

das Hoffen macht mich stark und gibt mir Zuversicht zurück

Zuversicht lässt mich glauben an ein neues Glück

Glück, das brauche ich, sonst sterbe ich

der Glaube tränkt, der Glaube füttert mich

auf unsren Weg führt mich kein Weg jemals zurück.

 

aus dem Album „Soliivaos“ von Mashiigao


Die Siiven

Sii ist in Mytland der Begriff für „Allmacht“. Er bezeichnet keine personifizierte „Gottheit“, sondern die Omnipotenz, die das Siiversum in seiner Gesamtheit erschaffen hat, und es jederzeit wieder zerstören kann. Die von „Sii beseelten Wesen“ werden in Mytland Siiven genannt. Siiven unterschiedlicher Ethnien sind auf dem Planeten Siivenus beheimatet.

 

Siivenus hat eine Atmosphäre, die unterschiedliche Lebensformen zulässt. Der Planet umkreist das Zentralgestirn, die Soliiva, innerhalb eines Siiyar  in einer elliptischen Bahn. Zudem dreht er sich innerhalb eines Siipt  einmal um sich selbst. Auf diese Weise erleben die Siiven auf Siivenus verschiedene Jahreszeiten sowie Tages- und Nachtphasen. Zwei natürliche Satelliten begleiten Siivenus. In der Sprache der Mytland-Siiven, dem Mytisch, werden diese Trabanten Siiluna und Siiluno genannt. Siiluna ist Siivenus näher, größer und prachtvoller anzuschauen. Siiluno ist weiter entfernt, kleiner und eher einem Asteroiden gleich als einem Mond. Siiluna verursacht mit seiner anziehenden Wirkung auf Siivenus die Gezeiten. Dadurch können die Siiven an den Stränden der großen Meere, den Mare, Ebbe und Flut beobachten.

Die Festlandmassen und Mare auf Siivenus
Die Festlandmassen und Mare auf Siivenus

 

Siiven sind in ihrer Körperlichkeit, ihrem Denkvermögen und ihrem emotionalen Bewusstsein dem Homo sapiens sehr ähnlich. Sie haben in Tausenden von Siiyar umfangreiche Kulturleistungen erbracht und die verschiedenen Lebensräume auf den geschlossenen Festlandmassen des Planeten nach ihren Bedürfnissen gestaltet. Auf diese Weise sind auf den Kontinenten Ergharasham, Moros Lydaga, Nowatera, Siitera und Vadmeregum sowohl große Ansiedlungen für mehrere Millionen Siiven als auch kleinere Ortschaften und ländliche Räume entstanden, die durch Ackerbau und Viehzucht geprägt werden.

Die Siiven in Ergharasham nennen sich selbst Harashama. In weiten Teilen Ergharashams sehen sich die Harashama immer länger anhaltenden Dürreperioden ausgesetzt. Besonders betroffen von Hitze und Trockenheit ist die Region Gharasham. Für viele Harashama in der Region Gharasham bildet allerdings die Siisoliiva, die „Allmächtige Soliiva“, den Mittelpunkt ihrer Religiosität. Die Anhänger der strengen Glaubenslehre Siisoliivergha leben daher in tiefster Demut und Askese.

Moros Lydaga ist ein Kontinent mit klimatischen Gegensätzen und reichhaltigen Bodenschätzen. Die größten ethnischen Gruppen sind die Lydago und die Morosen. Ihr Lebensraum umfasst sowohl Eiswüsten und kahle Steppen als auch Wälder, Urwälder, Bergmassive und fruchtbare Weiten.

Einer besonders giftigen Siifora und Siifana müssen die Meregen und Vader in Vadmeregum trotzen. Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht, und sich Wohlstand als Lieferanten von Heilgiften jedweder Art erworben.

Die Vereinigten Staaten Nowateras, kurz VSN, verstehen sich selbst als Ordnungsmacht auf Siivenus. Ihr Eingreifen in den Zweiten Siimunduskrieg führte nach vielen Siiyar der erbitterten Kämpfe zu einem Waffenstillstandsabkommen zwischen den Kriegsgegnern und schließlich zu einem Friedensschluss, aus dem die aktuellen Grenzverläufe der Staaten in Siitera hervorgegangen sind. Diese Grenzen sind nach achtzig Siiyar des Friedens bis heute stabil.

In Siitera wird in verschiedenen Überlieferungen die Geburtsstätte aller Siiven verortet. Neben seiner reichen Siifora und Siifana zeichnet sich der Kontinent durch eine Vielfalt von Ethnien aus, die in den Ländern Noermont, Noerland, Oeytere, Mytland, Oeymont, Oeytal, Solytien und Swytal Zivilisationen gebildet haben.

Die Mytland-Siiven unterscheiden sich von den anderen Siiven auf Siivenus durch ihre vollständige Haarlosigkeit. Sie sind vom Kopf bis zu den Zehen komplett Haar frei. Siiven in anderen Ländern Siiteras haben ebenfalls keine Körperhaare. In Noerland, Noermont, Solytien und Swytal sind allerdings Siiva mit teils kräftigem Haupthaar und Siivo mit Bärten anzutreffen. In den anderen Kontinenten ist das Körperhaar der Siivo mal wenig – Nowatera und Vadmeregum – und mal extrem stark ausgeprägt – Ergharasham und Moros Lydaga.

Eine weitere Besonderheit der Mytland-Siiven ist der vierzehn Millimeter lange und sieben Millimeter breite Siivenstein, den die Mytlander ab ihrem vierzehnten Siiyar in senkrechter Linie zur Nasenwurzel auf der Stirn tragen. Vor dem Zweiten Siimunduskrieg wurden die Siivensteine für die Stirnimplantate in der Mytlandregion Siivenberg, dem heutigen Freiberg, auf natürliche Weise abgebaut. Heute wird das unverwechselbare Siivenmal der Mytlander fast ausschließlich künstlich hergestellt. Die feierlich religiöse Zeremonie, in der einem Mytland-Siivo ein saphirblauer und einer Mytland-Siiva ein rubinroter Siivenstein in die Stirn eingesetzt wird, markierte seit alters her das Ende der Siivenkindheit in Mytland.

Es gab Zeiten, in denen der Weg aus der Kindheit in die Erwachsenenwelt durch eine Pilgerreise nach Siivenberg symbolisch nachempfunden wurde. Tiefreligiöse Mytlander machten sich mit ihren Kindern, die das vierzehnte Siiyar vollendet hatten, sogar bar-fuß wandernd auf diesen Pilgerpfad nach Siivenberg, um dort hoch im Gebirge in einer rituellen Feier unter dem Sternenhimmel die Einsetzung des Siivensteins in die Stirn des Kindes zu zelebrieren. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber es gibt auch heute noch religiöse Vereinigungen, deren Mitglieder diesen Ritus praktizieren. Dabei riskieren einige Siiveneltern ihre Gesundheit und selbst das Leben ihrer Kinder, wenn sie versuchen, den höchsten Berg in Mytland zu erklimmen: den Großen Siivenstein.


Siivenreich Mytland

Siiyar 7678 bis 7690

Mytland nimmt in der Siivengeschichte nicht nur durch die Tradition des Siivensteins eine besondere Stellung ein. Vor dem Zweiten Siimunduskrieg wurde Mytland gerühmt für seine Philosophen, seine Künstler und seine Wissenschaftler. Siiven aus allen Nationen des Planeten kamen nach Mytland, um im „Land der Bildung und der schönen Künste“, wie es anerkennend hieß, zu studieren, zu forschen oder gestalterisch zu wirken. Mytland erlebte eine kulturelle Hoch-Zeit.

Neben ihrer positiven Kreativität und Geisteskraft besaßen die Mytlander aber auch Hochmut und Machtstreben. Jene Wesenszüge, die viele Siiyar der Unterdrückung und weitreichender Kriegshandlungen in Siitera zur Folge hatten. Der größenwahnsinnige Diktator Nepo Muggl, der sich selbst den Herrschernamen Neposiivus I. gegeben hatte, sah in Mytland den Urquell aller Siiven, woraus er das Recht ableitete, den gesamten Kontinent unter seiner Führung zu einem einzigen großen Siivenreich zu vereinen. Das Siivenreich Mytland sollte die größte Machtfülle auf Siivenus erlangen. Aus diesem Grund ging seine Eroberungsgier irgendwann sogar über Siitera hinaus und schloss die Länder Mooren, Marshan, Oroshaga, Moroshan und selbst Morodaga, das größte Flächenland in Moros Lydaga, mit ein. Siiven, die sich dem Siivenreich widersetzten, wurden auf dem Schlachtfeld getötet, hinterhältig gemeuchelt oder in Straflagern zu Tode gefoltert. Dazu gehörten viele Millionen Sii-loten, deren Religiosität Neposiivus I. ablehnte, und zigtausend andere, denen der Gewaltherrscher das Lebensrecht absprach. Kein von Sii beseeltes Wesen, das Neposiivus I. die Stirn bot, wurde am Leben gelassen. Siitera versank in Blut und Elend.

Gestoppt wurde der grausame Vernichtungswahnsinn erst, als die Vereinigten Staaten Nowateras im Siiyar 7686 in den Zweiten Siimunduskrieg eingriffen und die Armeen des selbsternannten Siivenreichs endgültig vernichteten. Das war das Ende des Zweiten Siimunduskrieges und der Beginn der Besatzung Mytlands durch die VSN und Morodaga.

Im Siiyar 7694 wurde Mytland aufgeteilt in Altmytland, Neumytland und Nordmytland. Altmytland wurde dem Protektorat der VSN unterstellt und Neumytland dem Protektorat von Morodaga.

Nordmytland erhielt einen neutralen Status und war nach dem Waffenstillstandsabkommen ein weitgehend autarkes Land. Es wurde jedoch dazu verpflichtet, zukünftig weder eine eigene Armee noch eine eigene Kriegsindustrie aufzubauen.

Siitera galt als befriedet. Der Preis für diesen Frieden waren Einflusszonen anderer Großmächte auf dem Kontinent. Und die kulturellen Einflüsse der VSN und von Morodaga in ihren jeweiligen Protektoraten konnten unterschiedlicher nicht sein. Während Altmytland von den VSN sehr schnell zu einem marktwirtschaftlichen Musterland entwickelt wurde, musste Neumytland, beeinflusst von der strengen Kollektivkultur Morodagas, den steinigen Weg zu einem Gemeinwohl auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner beschreiten. Ein einzelner Neumytlander sollte sich niemals durch materielle Vorteile aus der Gemeinschaft abheben können. Das Kollektiv wurde zur allgegenwärtigen gesellschaftlichen Maxime in Neumytland erhoben.